Wissensarten

Redder nennt bildliches, metaphorisches, episodisches, vorbegriffliches und begriffliches Wissen als verschiedene Arten des Wissens, die sie als Tiefenstruktur von Wissensmodi versteht. (Diese Wissensarten schließen an die entsprechenden entwicklungspsychologischen Formen bei Wygotski an.)
Durch das in Beziehung-Setzen der Wissensarten zu den Wissensmodi entwirft Redder also ein mehrdimensionales Modell zur näheren Bestimmung einzelner Wissenselemente /-einheiten bzw. des Gewussten Γ, das bei Ehlich/Rehbein 1977 als eine Dimension innerhalb der dort entwickelten dreistelligen Elementarstruktur des Wissens (i.e.S.) eingeführt wird.
CB
Redder, Angelika (2002) Sprachliches Handeln in der Universität – das Einschätzen zum Beispiel. In: Angelika Redder (Hg.) “Effektiv studieren”. Texte und Diskurse in der Universität. Duisburg: Gilles & Francke. S. 5-28

Modi des Wissens (Wissensmodus)

Redder unterscheidet bezüglich des universitären Studiums die folgenden Modi des Wissens:

ΠS außeruniversitäres Wissen der Studierenden
ΠF Forschungs-Wissen der wissenschaftlichen Fachgemeinschaft
ΠD Dozenten-Wissen (ggü. ΠF modifiziert durch didaktische Kenntnisse)
ΠFL forschendes Lern-Wissen der Studierenden
ΠLF lernendes Forschungswissen der Studierenden

Sie nutzt diese Modi, um verschiedenen Konstellationen, die im Zuge der wissenschaftlichen Sozialisation auftreten, hinsichtlich des Wissens, über das die beteiligten Aktanten verfügen, näher zu bestimmen. Konkret entwickelt sie vor dem Hintergrund dieser Konstellationen verschiedene Entwicklungsformen der Sprechhandlung ‚wissenschaftliches Einschätzen‘.
CB
Redder, Angelika (2002) Sprachliches Handeln in der Universität – das Einschätzen zum Beispiel. In: Angelika Redder (Hg.) “Effektiv studieren”. Texte und Diskurse in der Universität. Duisburg: Gilles & Francke. S. 5-28

Handlungsmuster Assertieren

Textgenese

1. Überwindung der Flüchtigkeit
Übersteigerung des Kutzeitgedächtnisses
Gekoppelt an bestimmte sprachliche Formen
2. Entkoppelung der gemeinsamen Sprechsituation und damit systematische Überwindung der zerdehnten Sprechsituation.

Ehlich, Konrad (1989) Zur Genese von Textformen. Prolegomena zu einer pragmatischen Texttypologie. In: Gerd Antos / Hans P. Krings (Hrsg.) Textproduktion. Ein interdisziplinärer Forschungsüberblick. Tübingen: Niemeyer. S. 84-99
PDF Ehlich (1989) Genese Textformen

Text

Texte sind Ensembles von Sprechhandlungen. Sie dienen der Überbrückung einer zerdehnten Sprechsituation (eine zerdehnte Sprechsitution zeichnet sich dadurch aus, dass S und H nicht kopräsent sind). Der Zeck ist die Überlieferung über Sit1 (Produktion) und Sit2 (Rezeption) hinweg.

Zerdehnte Sprechsituation:

zerdehnte Sprechsituation

Sprechhandlung

Sprechhandlung ist eine Handlungseinheit mittlerer Größe
besteht aus gleichzeitigem Vollzug dreier Akte: dem Äußerungsakt, dem propositionalen Akt und dem illokutiven Akt (aus dem illokutivem Akt folgt eine illokutionsspezifische Hörerseitige Folgeleistung)

Sprechhandlungsfolge
Allg. eine Folge von Sprechhandlungen. Ohne Turnwechsel spricht man von einer Sprechhandlungskette (Verkettung von Sprechhandlungen); mit Turnwechsel von einer Sprechhandlungssequenz (Sequenzierung von Sprechhandlungen)

zwei oder mehrere Sprechhandlungen können nicht nur hintereinander auftreten, sondern auch eine über der anderen operieren bzw. eine SpH zur Realisierung einer zweiten genutzt werden, d.h. SpH #1 wäre dann als Teilelement in übergeordnetes Handlungsmuster eingeklinkt – und insofern Hilfsmittel zu dessen Realisierung; beispielsweise kann eine Äußerung mit dem sprachlichen Format einer Frage geäußert, aber nicht als solche ggü. dem Interakten im Diskurs zur Geltung gebracht werden.

Sprechsituation

Die elementare Sprechsituation zeichnet sich aus durch Kopräsens von Sprecher und Hörer.
Die Sprechsituation ist zentral für Kommunikation und zentral für das sprachliche Zeigen, ohne spezifischen Nullpunkt (= Origo) kein Zeigen.

Origomodell

Sprach- und Wissensmodell



(-> Ehlich/Rehbein 1986; Rehbein 1999, 2001)

Imperativ

grammatische, genauer: morphologische (Flexions-)Form des Verbs

Alle „Äußerungsmodi“ werden von Rehbein im folgenden Aufsatz genau (handlungstheoretisch) analysiert:

Rehbein, Jochen (1999): „Zum Modus von Äußerungen“. In: Redder, Angelika & Jochen Rehbein (Hgg.) Grammatik und mentale Prozesse. Tübingen: Stauffenburg.
PDF Rehbein (1999) Modus v. Äußerungen

Signatur im IfG I: BAb 6481

Institut vs. Institution

Institut (z.B. Institut des Boten, des Beratens)
tentative Bestimmung (Kameyama + Redder): institutionsübergreifende gesellschaftliche Einrichtung, wahrscheinlich nur für bestimmte Aktantengruppen und bestimmte Konstellationen, d.h. agenten- und domaingebunden

Institution
„Institutionen sind gesellschaftliche Apparate, mit denen komplexe Gruppen von Handlungen in einer zweckhaften Weise für die Reproduktion einer Gesellschaft prozessiert werden und bilden spezifische Ensembles von Formen“ (vgl. Ehlich & Rehbein 1994: 318)
Bsp: „Familie“: Zweck: Reproduktion von Handlungsformen, die für die jeweilige Gesellschaft konstitutiv sind; also 1. Reproduktion der Gesellschaft (durch Weitergabe von Werten bzw. Bewertungen, Wissen), 2. Entlastung der Gesellschaft (emotionale + existenzielle Absicherung)
i.U. zur „Ehe“: biologische Reproduktion der Gattung(!); ökonomische Absicherung

Infinitiv

stellt keine eigene sprachliche Ausdrucksform dar, sondern ist vielmehr als eine morphologische Flexionsform „-en“ (die dem Wortstamm des Verbs angehängt wird) zu betrachten; die so flektierte Form des Verbs („sein Infinitiv“) ist jedoch die konventionelle [im terminologischen Sinn von Konvention] Zitierform im Lexikon, ohne dass die morphologische Struktur dabei durchsichtig gemacht wird (s. auch: Singularform bei Substantiven)
CB

Phorik

phorische Ausdrücke repräsentieren den Genus und Numerus des kontinuierten/kopierten verbalen Bezugselementes, NICHT aber das Kasus; Kongruenz leitet die phorische Bezugnahme;

Beschreibung des phorischen Verfahrens:
„Suche ein verbalisiertes nominales Bezugselement“
(dies kann auch ein mentales Element sein, d.h. die Verbalisierung kann auch ’schweigend‘ im gemeinsamen Wissen von S und H erfolgen);
- wenn Element bereits verbalisiert: anaphorisch
- wenn Element noch zu verbalisieren: kataphorisch

Mittels Anaphorik kann beispielsweise eine Weiterprozessierung des Themas geleistet werden, d.h. das entsprechende verbalisierte Wissenselement wird im Diskurswissen gehalten
-----------
Der Unterschied zwischen Deixis und Phorik wird (meist) durch die Verwendung des Begriffs der Referenz nivelliert.

Verbklammer

Klammerkonstruktion (dt., holländisch, afrikaans) ist ggü. der Kontaktstellung (z.B. franz., engl., jiddisch) eine besondere Form der Figurativität/Wortstellungscharakteristikum und erfordert Projektionsleistungen vom Sprecher und Antizipationsleistungen vom Hörer;
[obwohl das Lateinische keine figurative Sprache ist, haben die sich direkt daraus entwickelten romanischen Sprachen Verbzweitstellung ausgebildet, d.h. die Wortstellung als sprachliches Mittel ausgebaut und das Kasussystem teilweise ersetzt)

- der rechte Teil der Verbklammer operiert auf dem Finitum; es handelt sich damit um eine operative Prozedur, die kohäsiv wirkt
[lit.wiss: „Spannung“ in langen Sätzen z.B. bei Kleist]
(nach Rehbein)

Kasus

Funktional-pragmatische Prozedurenbestimmung:

(a) die Kasus geben eine Sichtweise an und übertragen eine
Sichtweise auf die zugehörenden Nominale, Deixeis und
phorischen Ausdrücke;
(b) auf diese Weise instruiert der Sprecher mittels Kasus
den Hörer, das mit Nominal, Deixis bzw. phorischen Ausdrücken verbalisierte Wissen in sprachlicher Form unter einer Sichtweise zu verarbeiten;
(c) und das vom Hörer/Leser Wissen als Sichtweise
verarbeitete Wissen in die Phrasenstruktur der Proposition
der Äußerung, d.h. in das durch den propositionalen Gehalt
p übermittelte Wissen (als Phrasenstruktur), in Satzform zu
integrieren.
(d) die Funktion (Subprozedur) der einzelnen Kasus sind
sprachspezifisch zu klären.

aus Rehbein (200x) „Überlegungen zur Kategorie ‚Kasus‘, zu Valenz (thematischen Rollen) und Präpositionen“ (Manuskript)
PDF Rehbein (2003) Kasus, Valenz, Präp

Wissen

Wissen i.e.S.

ist Teil des Π-Bereichs bzw. Wissen i.w.S. (weitere Kategorien der Binnendifferenzierung: Fähigkeiten, Bedürfnisse, Emotionen, Werte/Bewertungen/Bewertungsssysteme, Modellierungen des Π-Bereichs von H, Glaubensmechanismen, …) (Wissen i.w.S. wird anstelle der cartesianischen ratio-emotio-Opposition verwendet)
CB

Elementarstruktur des Wissens:
Wissen ist nach Ehlich/Rehbein eine dreistellige Relation, bestehend aus drei Instanzen/ Dimensionen:
1. Ein Wissender S
2. Thema des Wissens Q
3. das Gewusste G
Wissen bezieht sich auf einen bestimmten Objektbereich in der Wirklichkeit. Dieser Objektbereich erscheint im Wissen als Thema des Wissens Q, das Objekt des Gewussten, d.h. das Gewusste über den Objektbereich, ist G. Der Objektbereich über den man etwas weiß, wird als OQ bezeichnet, das konkrete Objekt, über das etwas gewusst wird, als OG.
(Diese Struktur ist nicht die einzige Interpretation. Es gibt Auffassungen, in denen Wissen nur als zwei- (Jemand weiß etwas, es wird kein Thema des Wissens angegeben) oder eindimensionale (z.B. Daten oder die Summe von Propositionen; nur das Gewusste, wird dargestellt(?))Relation.) KU

Deixis / Verweisräume

Der Begriff „Verweisraum“ stammt von Konrad Ehlich, der an Bühlers Theorie des Zeigfeldes anknüpft und daraus systematisch aus den ‚Drei Modi des Zeigens’, nämlich der ‚demonstratio ad oculos [et aures]’, der ‚Deixis am Phantasma’ und der ‚Anapher’, fünf ‚VERWEISRÄUME’ ableitet:
1. Der ‚Sprech-Zeit-Raum’ [mit den d i r e k t bzw. u n m i t t e l b a r in der Sprechsituation g e g e b e n e n VERWEISOBJEKTEN: die sprachlich Handelnden S + H, Ort und Zeit der sprachlichen Handlung, + den n i c h t u n m i t t e l b a r e n „Objekten“ (Objekte, Ereignisse, Handlungen) deren Aspekten]; diesen Verweisobjekten entsprechen die Dimensionen der Deixis: die 3 DIMENSIONEN der Origo, dem Mittelpunkt jedes Verweisens: SPRECHer (i.U. zum Hörer), SprechZEIT, -ORT, + 2 nicht unmittelbar sprechsituative Dimensionen: „Objekt“– und Aspekt-Dimension] – dieser Verweisraum bzw. diese Dimensionen sind (außer die der Aspekt-Deixis) nach Nähe- bzw. Ferne strukturiert
2. Der ‚Rederaum’ [da die Sprechhandlung Teil der Sprechsituation ist, ist der Rederaum als eigener abstrakter, vom Sprech-Zeit-Raum a b g e l e i t e t e r Verweisraum mit den drei VERWEISOBJEKTEN –bzw. DIMENSIONEN Äußerungsakt, proposit. Akt und illokutiver Akt zu berücksichtigen – da diese Objekte zurück- [ana-] oder vorausliegen [kata-] können, sind Ana- und Katadeixis zu unterscheiden, d.h. der Verweisraum bzw. seine Dimensionen sind nach zurück- bzw. vorausliegend strukturiert
3. ‚Textraum
„Insofern hat der Textraum eine eigene zeitliche und örtliche Dimension, die in der Spezifik von Text (versus Diskurs) begründet ist.“ --> die verwendeten Deixeis im Text werden vom Hörer aktualisiert, indem er sie verstehend an seine Hälfte der Sprechsituation rückbindet (Redder 2000: 289)
4. ‚Vorstellungsraum
5. ‚Deixis ins Leere’.
Bei der systematischen Ableitung der Verweisräume zeigt Ehlich, dass die Anapher nicht zu den deiktischen Prozeduren zählt, sondern phorische Qualität hat.
6. ‚Wissensraum
[Redder unterscheidet zudem als weiteren Verweisraum den ‚Wissensraum‘ (Redder 1990: 182f);
zudem sind die einzelnen Verweisräume unterschiedlich strukturiert: z.B. ist die Unterscheidung zwischen kata-(vor/hinunter) bzw. ana(zurück/hinauf)deiktischer Verwendung nur im Text- bzw. Rede(Diskurs)raum möglich; außerdem kann z.B. der Sprechzeitraum unter einem bestimmten Aspekt, bspw. nach Maßgabe eines Plans, in Anspruch genommen werden: Wenn der Dozent im Seminardiskurs ‚jetzt zu einer bestimmten Frage kommen‘ will, wird im Sprechzeitraum nicht physikalistisch gezeigt, sondern seine Dimensionen werden auf spezifische Weise, nämlich im Hinblick auf die Planbildung des Dozenten für den Seminardiskurs in Anspruch genommen].

[Die Errichtung und Fortführung der Origo (und ihre Versetzung in die verschiedenen ‚Räume‘ erfolgt also mittels bestimmter sprachlich-mentaler Prozeduren.
Während z.B. durch die Verwendung deiktischer Ausdrücke die Origo selbst ‚aufgebaut‘ wird, wird sie durch sog. quasi-deiktische Ausdrücke wie z.B. Adpositionen nur in Anspruch genommen. (nach Rehbein)]

[Der Unterschied zwischen Deixis und Phorik wird durch die Verwendung des Begriffs der Referenz nivelliert.]

Vgl. Ehlich, Konrad (1979): Verwendungen der Deixis beim sprachlichen Handeln. 2. Bde. Frankfurt/M: Metzler.

Vgl. Ehlich, Konrad (1982): „Deiktische und phorische Prozeduren beim literarischen Erzählen“. In: Lämmert, E. (Hg.) (1982): Erzählforschung. Ein Symposium. Stuttgart: Metzler. S. 112-129
LMB, [CB]

Wissenstrukturtypen

Strukturtypen des Aktantenwissens (insg. 6) (zum Aktantenwissen s. ‚Institutionswissen‘)

[die Unterscheidung baut auf der dreistelligen Elementarstruktur des Wissens auf; zentrales Bestimmungsmoment der einzelnen Strukturtypen ist die pragmatische Quantifizierung über dem Wissenden S, d.h. die jeweils vom Sprecher angenommene Verbreitung des fraglichen Gewussten G; CB]

0. Partikulares Erlebniswissen
Ein S weiß etwas über etwas Einmaliges. „Ein einzelner Wissender entwickelt über ein einzelnes Exemplar eines Objekts des Wissens ein einzelnes Wissenselement.“ Beobachtungen von bestimmten Sachverhalten, ein individuelles, partikulares Erlebnis. Es gibt schon Tendenz von Systematisierung.

1. Einschätzung
Ein S weiß etwas und das fundiert auf mehreren eigenen partikularen Erlebnissen. Man muss eine Abstraktion leisten und mehrere Erlebniswissenselemente zusammenfassen, um ein Wissen G höherer Struktur von Q zu entwickeln. Auf dieser Stufe ist eine (stärkere) Systematisierung des Erlebten. Die Einschätzungen sind individuelle Interpretationen bestimmter Wirklichkeitsteile. Sie sind schon komplexere „synthetische Leistungen“ auf Grundlage von partikularem Erlebniswissen. „Wenn OG mehrfach OQ zugekommen ist, so könnte es sein, dass OG auch zukünftig OQ zukommen wird.“

2. Bild
Mehrere Einschätzungen zum gleichen Wirklichkeitsausschnitt, also zu einer Sache, gewusst von einem Wissenden, werden zusammengesetzt zu einem Bild. Verschiedene Einschätzungen, die sogar widersprüchlich sein können, werden von einem S zusammengefasst.
Bsp. „Araber sind Terroristen!“ (Einschätzungen: Erlebnisse aus den Nachrichten, mein arabischer Nachbar ist nett, ein Bekannter hatte Ärger mit einem Araber,…..) Der Wissende S weiß ein G von Q so, dass OG immer OQ zukommt.
Ein Image ist ein auf mehrere Wissende verteiltes Bild.

3. Sentenz (abgeleitete Form!)
Strukturtyp durch Synthetisierung nicht eines, sondern aller Wissenden. Die Sentenz stellt Wissen dar, dass für alle Wissenden gilt. Auch das Gewusste G gilt immer für das Thema des Wissens Q. Eine Sentenz entsteht dadurch, dass ein Wissen immer gilt, indem alle Wissenden Sa dieses Wissen haben. Das heißt, die Sentenz stellt ein Wissen dar, über das es einen gesellschaftlichen Konsens gibt. Viele Sprichwörter sind eine Untergruppe der Sentenzen. Sentenzen sind kollektive Merksätze. Es können allerdings auch widersprüchliche Sentenzen innerhalb einer Institution gleichzeitig existieren.
KU
Maxime
Musterwissen
Routinewissen

siehe auch
PDF Ehlich/Rehbein (1977) Wissen, kom. Hdln. u. Schule

Sprachliche Felder

Ausdrucksbereiche von gemeinsamer Zweckstruktur (Funktion). Insgesamt fünf: Das Lenkfeld (expeditives Feld), das Zeigfeld (deiktisches Feld), das Symbolfeld, das Arbeitsfeld (operatives Feld) und das Malfeld.

„Das Operationsfeld unterscheidet sich von den anderen in charakteristischer Weise, indem es hier um die Verarbeitung, die Prozessierung des sprachlichen Geschehens selbst geht“besonders „im Blick auf die propositionale Dimension“.(Ehlich 1986gZieleVerfahren:198)

Quellen:

Bühler, Karl (1934 bzw. 1999): Sprachtheorie. Die Darstellungsfunktion der Sprache. 3. Auflage. Stuttgart: Lucius & Lucius.

Ehlich, Konrad (1979): Verwendungen der Deixis beim sprachlichen Handeln. 2. Bde. Frankfurt/M: Metzler.

Ehlich, Konrad (1986): Interjektionen. Tübingen: Niemeyer.

Redder, Angelika (1990): Grammatiktheorie und sprachliches Handeln ‚denn‘ und ‚da‘. Tübingen: Niemeyer.

LMB

Handlungsmuster

sind historisch-gesellschaftlich entwickelte Formen zur Erfüllung repetitiver Zwecke in repetitiv auftretenden Situtationen. Niemals ist ein Muster lediglich durch eine einzige, isolierte, nur auf einen Aktanten bezogene Position gekennzeichnet, sondern umfasst stets Positionen beider Aktanten, insbesondere Positionen spezifischer mentaler Akte. Das Wissen über solche Formen, das MUSTERWISSEN, wird bei der handlungspraktischen Aneignung von Sprache ontogenetisch erworben. Ein Aktant kann deshalb, indem er sich zur Realisierung seiner individuellen Ziele eines der zweckmäßigen Muster bedient, erwarten, dass der Interaktant in der musterspezifischen Weise reagiert, dass er also seine musterspezifische Sequenzposition erfüllt. Sich auf das Muster – und sei es negierend – einzulassen ist eine unerlässliche Anforderung minimaler Kooperation in jeglicher Interaktion.
aus: Redder, Angelika (1990) Grammatiktheorie und sprachliches Handeln: ‚denn‘ und ‚da‘. (LA 239) Tübingen: Niemeyer (S.33)
Ergänzg: Kriterium ist immer ein den Ko-Aktanten gemeinsamer Zweck (den sie mit der Ausführung der aktantenspezifischen Musterpositionen verfolgen), wobei sie sich in ihren individuellen Zielen unterscheiden können
CB

Institutionswissen

Institutionswissen, Typen des:

a. Institutionswissen erster Stufe, z.B. Aktantenwissen: unmittelbar handlungsleitend, unhinterfragt, im Hinblick auf die Funktion der Institution undurchschaut (i.d.S. immer verbunden mit Nicht-Wissen) [Wissensträger: Agenten und Klienten der I.] (zum Aktantenwissen s. ‚Wissenstrukturtypen')

b. Institutionswissen zweiter Stufe: systematisiertes Aktantenwissen zwecks Effektivierung bei der Realisierung der institutionseigenen Zwecke; im Hinblick auf die Funktion der Institution ebenfalls undurchschaut (i.d.S. immer verbunden mit Nicht-Wissen) [Wissensträger: nur Agenten? nur der Institution, über die das Wissen vorliegt?]

c. kritisches wissenschaftliches Wissen: beruht auf Analyse von Zusammenhang zwischen Institutions- und Aktantenwissen; zur Aufhebung des ursprünglich notwendigerweise mit dem unkritischen Institutionswisssen verbundenen Nicht-Wissens (s. a.+b.)
[Wissensträger: wie b?]
------
aus: Ehlich, Konrad; Rehbein, Jochen: Wissen, kommunikatives Handeln und die Schule. Aus: Goeppert, Herma C. (Hrsg.): Sprachverhalten im Unterricht. München (Fink) 1977. (=UTB. 642) S. 36-114.
PDF Ehlich/Rehbein (1977) Wissen, kom. Hdln. u. Schule

Prozedur

Prozedur: (Einheit sprachl. Handelns: s.a. Akt, Handlung, Text/Diskurs, CB)

Durch jedes sprachliche Ausdrucksmittel wird eine Prozedur realisiert, die zur Konstitution einer Sprechhandlung beiträgt.

Prozeduren dienen im sprachlichen Handeln zwei Zwecken [bzw. die Prozedur ist die Vermittlungskategorie zw. beiden]: sprachexternen Zwecken (Eingriff auf die mentalen Dimensionen des Hörers zur Veränderung der Wirklichkeit [Zugriff durch Illokutionsanalyse]); sprachinternen Zwecken (im Aufbau eines Sprachsystems, das als Produkt eines gesellschaftlichen Problemlösungsprozesses zur Entwicklung von Kommunikationsmitteln zu begreifen ist [Analyse der Umsetzung in akustische Dimension, der Serialisierung bzw. Erstreckung in der Zeit, z.B. der Syntax, und der Umsetzung der Illokution])

Im Zuge des Entwicklungsprozesses lassen sich Bewegungen in den einzelnen Funktionsbereichen erkennen. Dies kann zum Wandel sprachlicher Einheiten führen: Feldtransposition.

Quelle:
Bührig, Kristin/ Mayer, Bernd (2003): „Die dritte Person: Der Gebrauch von Pronomina in gedolmetschen Aufklärungsgesprächen.“ In: ZfAL (April 2003), S. 25.
LMB

[Ergänzgen aus Ehlich, Vortrag am SFB Okt/04
Übersichts-Tabelle in Ehlich (1986g [Flader], S.139)
CB

Sprachliche Prozeduren sind typisiert nach sprachlichen Feldern, aus denen sie ihre jeweilige Basis-Charakterisierung beziehen; darüber hinaus sind sie mit jeweils eigenen Spezifikationen ausgestattet (Rehbein, „Zu Deixis und Phorik“; CB)

nennende bzw. Symbolfeldprozedur

Durch die nennenden Prozeduren des Symbolfelds, die z.B. in den lexikalischen Teilen von Nomen, Verben, Adjektiven, Präpositionen usw. enthalten sind, wird ein Element der Wirklichkeit versprachlicht, dadurch aus seiner situationellen Bindung ablösbar und durch andere Aktanten, die über die Benennung verfügen, identifizierbar. Wenn also S eine nennende Prozedur verwendet, wird H dadurch instand gesetzt, aufgrund seines Wissens das betreffende Element der Wirklichkeit zu finden. Die Symbolfeldausdrücke stellen also ein sprachliches Potential für Verbalisieren und Rezipieren von Wissenspartikeln bereit; im Diskurs/Text als dem synsemantischen Umfeld wird die sprachliche Benennung der Wirklichkeit mit der Kategorie des Wissens vermittelt (Rehbein 1998a).
Als Binnengliederung werden symbolisch-charakterisierende (Begriffswörter) i.U. zu symbolisch-identifizierenden (Eigennamen) Prozeduren angenommen (Hoffmann 2003: Funktionale Syntax, 13).

Verhältnis zum synsemantischen Umfeld:

die o.g. feldfremden Bedeutungsmomente eines Ausdrucks können nur jeweils im synsemantischen Umfeld des Zeichens, also in Relation zum konkreten Feld seiner Verwendung, seines ‚verbalen Kontextes‘ (Bussmann 1990, 765) verstanden werden; die feldfremden Zeichen müssen also offen sein für die Verleihung von Feldwerten (Bühler 1934, 181f), d.h. umgekehrt: die Symbolfelder von Ausdrücken fordern (mit unterschiedlicher Stringenz/Kohärenz) die Ausfüllung von Leerstellen (Rehbein 2003 [Kasus, Valenz, Präpos.]), die sie aufgrund ihrer Feldeigenschaften „schematisieren bzw. schärfer – handlungstheoretisch gesagt – ‚Mikroschemata‘ oder […] ‚Kraftfelder‘ aufweisen, die die potentielle Einsetzung anderer Symbolfeldausdrücke vorstrukturieren.“ (Rehbein 2005, 4 [Notizen zur relationierenden Prozedur ‚auf‘])

CB

Determination / Artikel

zu bestimmen als (para)operative Prozeduren, deren Zweck eine Bearbeitung von Wissen ist, welches über Symbolfeldausdrücke aufgerufen wird

funktionalpragmatische Bestimmung des A r t i k e l s als ‚Bekanntheitsoperator‘:
„Der Artikel ist ein Apparat, der uns für die interaktive Bearbeitung von Wissen zur Verfügung steht. Mit Hilfe des bestimmten Artikels wird in der sprachlichen Interaktion zwischen Sprecher und Hörer Wissen als für Sprecher und Hörer gemeinsam in Anspruch genommen.“(Ehlich 1998a (1987): 171)
Der Null-Artikel ist demnach als S-H-Nicht-Bekanntheitskennzeichung zu analysieren (185f)

Ehlich 1994g:
(in Kapitel 6: Determinatoren und Bezeichnungskonstanz als Beitrag zur Text-Kohärenz)
- alle drei Gruppen dieser geschlossenen Wortklasse dienen der Organisation des Hörer-Wissens durch den Sprecher, welcher nämlich damit zu erkennen gibt, „als was er ein Informationsstück für das Wissen des Hörers behandelt“(130)
(a) Determinatoren --> als etw. für den laufenden Diskurs Bekanntes/Bestimmtes, d.h. V o r h a n d e n s e i n und P r ä s e n z des Wissens wird beim Hörer unterstellt
(b) Indeterminatoren --> als etw. Unbekanntes/Unbestimmtes
(c) Null-Determinatoren --> als etw. Bekanntes/Bestimmtes

[CB: Widerspruch zwischen Bestimmung des ‚Null-Artikels‘ und des ‚Null-Determinators‘!?]

funktionalpragmatische Bestimmung des A r t i k e l s in Bezug auf Wissensstruktur:
„bestimmter Artikel“ (meist analysiert als „bekannt vorausgesetzt“ ): Management des token-Wissen
[erst durch Übersetzung des AT aus dem Hebräischen und NT aus dem Griechischen im späten Althochdt. etabliert; paraoperativ, weil funktionaletymologisch als neutrale Kata-Objektdeixis neufokussierend]
(ALLE DER;DIE;DAS, die nicht Artikel sind, sind deiktisch!?)
„unbestimmter Artikel“ (meist als „unbekannt“analysiert): Management des type-Wissen
[paraoperativ, ursprünglich Symbolfeld, also phorische Fokuskontinuierung]
gemeinsamer Zweck(?): Festlegung des erforderlichen Abstraktionslevel des aufgerufenen Wissens

(abstraktestes Level wäre die Auslassung jeder ‚Determination‘?)
[nach Redder, Sem.mitschrift]

- durch Determination wird der Zugang zum Wissenssystem modelliert („bestimmter Artikel“ ermöglicht die Anwendg sprachl./begriffl. Wissens, das z.B. durch eine Symbolfeldprozedur aktualisiert wird, auf einen konkreten Gegenstand)
[Hoffmann, Ludger (1999) Eigennamen im sprachlichen Handeln. In: Bührig, Kristin; Matras, Yaron (Hgg.) Sprachtheorie und sprachliches Handeln: Festschrift für Jochen Rehbein zum 60. Geburtstag. Tübingen: Stauffenburg. 213-231]
CB

Empfehlung, Vorschlag, Ratgeben

Empfehlung: Handlungsmöglichkeiten sind S + H bekannt (ggf. in der Vorgeschichte deutlich), aber H mangelt es an Bewertungsvermögen, das entsprechend an S delegiert wird. H muss die Empfehlung verstehend nachvollziehen und dann eine Entscheidung treffen; es ist nur H’s Handlungslinie von der Empfehlung betroffen

Ratgeben: H sind die Handlungsmöglichkeiten unklar; es ist nur H’s Handlungslinie von dem Ratschlagbetroffen

Vorschlag: S + H befinden sich in einem gemeinsamen, kooperativen Handlungszusammenhang mit einem gemeinsamen Handlungsziel (die Handlungsausführung liegt ggf. nur bei H)
CB

Überblick Sprechhandlungen

Überblick Sprechhandlungen

ASSERTIEREN – Wissenstransfer (elementares Basissprechhandlungsmuster)

-->BEGRÜNDEN (Wiesmann1999)

-->ERKLÄREN (Wiesmann1999)

-->RECHTFERTIGEN

-->BERICHTEN – institutionelles Rekonstruieren eines einmaligen Ereignisses; chronologisch strukturiert; sachlich orientiert

-->MITTEILEN (Redder 1990: Transfer von für H entscheidungsrelevanten Wissens)

AUFGABE-STELLEN/ (Wiesmann1999)
AUFGABE-LÖSEN (Wiesmann1999)

EINSCHÄTZEN (Wiesmann1999; Redder 2002)

EINWENDEN (Wiesmann1999)

ERLÄUTERN (Wiesmann1999; Bührig 1996) mit ΠH-Bezug, also i.U. zum Umformulieren und Rephrasieren nachträglich zusätzliches Wissen verbalisiert, das eine Verbindung zu ΠH herstellt

FRAGEN. NACHFRAGEN (Wiesmann1999)

LEHRERFRAGE (Wiesmann1999)

VORSCHLAGEN (Wiesmann1999)

ELIZITIEREN

VERMUTEN

REFERIEREN

SCHILDERN – mehrmaliges Ereignis; thematisch statt chronologisch strukturiert

PROBLEMLÖSEN

ANKÜNDIGEN

REFORMULIEREN (Bührig 1996) (nur sprachl. Gestalt, nicht aber propositionaler Gehalt der Bezugsäußerung verändert);

-->REPHRASIEREN

-->UMFORMULIEREN

-->ZUSAMMENFASSEN (Bündelung in nur einer Äußerung)

WISSENSVERMITTELNDES PARAPHRASIEREN (Hanna 2003: i.U. zum REPHRASIEREN kein Innehalten im Handlungsablauf; keine Bewertung )

‚aber‘ – Prozedur der Erwartungsumlenkung

aber‘ – Prozedur der Erwartungsumlenkung

Funktion: Verknüpfung propositionaler Elemente (bis hin zu satzförmigen)

Äußerung A --> Erwartung B (hörerseitige Erwartung beim Verstehen von A – neues Wissenselement, das vom Hörer durch die verstandene Äußerung A im Sinne kooperativen Verhaltens etabliert wird)

Äußerung C (mit ‚aber‘) --> propositionaler Gehalt von C anders als B und ungleich nicht-B

’schon‘ operatives Mittel

schon‘ operatives Mittel

Konstatierung einer nicht-erwarteten Nicht-Ausnutzung eines Toleranzbereichs



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